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 mehr als nur ein Stadtteil

Geschichte

Unter einem „Weiler“ versteht man seit jeher eine kleine Siedlung, etwas größer als ein Gehöft, aber doch merklich kleiner als ein Dorf. So ist die Vermutung mancher, der heutige Name Ernstweilers lasse sich von einer Gründerperson mit Namen Ernst ableiten, nicht abwegig. Der „Weiler des Ernst“ mag etwa 600 n. Chr. gegründet worden sein. Archäologische Funde lassen sogar den Schluss zu, dass in der Gegend um Ernstweiler bereits vor der Römerzeit, das heißt vor Christi Geburt, Kleinsiedlungen der Treverer, einem keltischen Stamm, den Caesar in „De Bello Gallico“ wegen seiner herausragenden Reiterei lobt, bestanden. Der erste echte Beweis für seine frühe Existenz als „Ernustesvuilere“ ist uns in einer Schenkungsurkunde des damaligen Kaisers Otto II., aus dem Jahre 982, überliefert.

Ein wichtiger Standortfaktor war schon seit keltisch-römischer Zeit die von Lothringen her führende Salzstraße. Damals war Salz ein äußerst kostbares Gut. Bis in das frühe 12. Jahrhundert hinein führte diese wichtige Handels- und Transportroute geradewegs durch Ernstweiler hindurch. Dann, im Jahre 1150, kam es zu einem handfesten Konflikt zwischen den Grafen von Saarwerden, denen Ernstweiler gehörte und den Grafen von Saarbrücken, die das Gebiet der heutigen Stadt Zweibrücken ihr eigen nennen durften. Beide Geschlechter finden sich übrigens auch im Ernstweiler Wappen versinnbildlicht. Graf Simon I. von Saarbrücken versetzte seinen Widersachern einen herben Schlag, indem er die Schwarzbach-Brücke zwischen Bubenhausen und Ernstweiler zerstörte; der Salzfluss durch diese Gegend versiegte und wurde kurzerhand auf eigenes Gebiet, weiter östlich, umgeleitet. In der Nähe seiner neu errichteten Burg ließ der Graf hierzu eigens zwei Brücken erbauen. Ihnen verdankt die heutige Stadt Zweibrücken ihren Namen.ernstweiler_rahmen

Ernstweiler selbst ging in der Folgezeit durch mehrerer Herren Hände (u.a. hatte das Kloster Wörschweiler hier lange Zeit Grundbesitz), bis es schließlich 1410 unter die Landeshoheit der Herzöge von Pfalz-Zweibrücken fiel. Gebietsstreitigkeiten zwischen Ernstweiler, Bubenhausen und Zweibrücken schlichtete Herzog Wolfgang (1532-1569) am 1. Juni 1547, indem er alle drei Gebiete zu einer einheitlichen „Gemarkung“ zusammenfasste. Bis 1824 blieb es auch dabei. Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit stellt einen für die Region unruhigen Geschichtsabschnitt dar.

Die Nähe der französischen Grenze machte aus dem Kleinstaat der Herzöge von Pfalz-Zweibrücken ein strategisch wichtiges und damit hart umkämpftes Territorium. Deuten Quellen auf noch etwa 60 Einwohner im Ernstweiler des Jahres 1547 hin, so hatten bis 1675 die verheerenden Kriege des 17. Jahrhunderts (Dreißigjähriger Krieg, Kriege des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV.) und die hierbei ungünstige Nähe zu Frankreich die Bevölkerung auf insgesamt nur neun Familien in Bubenhausen und Ernstweiler stark dezimiert. Zeitweise (1680-1697) war das arg gebeutelte Herzogtum sogar französisch besetzt.

Nach dem Abzug der Franzosen förderte der rechtmäßige Erbe des Gebiets, Karl XII. (1697-1718) - in Personalunion auch König von Schweden - den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landstrichs durch den Zuzug von Einwanderern. In Ernstweiler siedelten sich um 1700 vor allem Schweizer und Tiroler an. Auch viele der Frankreich fliehenden Hugenotten fanden hier Unterschlupf.

Unter Herzog Christian IV. (1735-1775) erlebte ganz Zweibrücken eine neue Blütezeit. Er schmückte seine Residenzstadt mit neuen prächtigen Bauten und wies Ernstweiler die Errichtung einer großen herzoglichen Kellerei zu, in der unzählige Weine und Früchte Aufnahme finden sollten. Baubeginn war 1749, vollendet wurde sie 1754. Unterirdisch zwischen Homburger Straße und Spitalstraße gelegen, war der mehrstöckige Gewölbebau sehenswert auch für manche Berühmtheit: 1770 besuchte Johann Wolfgang von Goethe die Anlage, wovon er in "Dichtung und Wahrheit" Zeugnis ablegt.

Die Französische Revolution (1789) jedoch wurde dem Kellerbestand zum Verhängnis. Die einmarschierenden französischen Revolutionstruppen stellten nicht nur Freiheitsbäume auf, sondern plünderten auch hemmungslos die herzoglichen Weinvorräte; was nicht vor Ort konsumiert werden konnte, wurde nach Frankreich überführt. Bereits 1797/98 wurde Zweibrücken, unter Napoleon, einmal mehr französisch verwaltet. Vermutlich wurden währenddessen die großen Kellergewölbe als Waffendepot und Gefängnis genutzt.

Das 18. Jahrhundert erlebte auch die Gründung der meisten großen Ernstweiler Gehöfte (Ernstweilerhof, Deileisterhof, Schangenhof, Kaplaneihof, Freudenbergerhof), deren steuerkräftigsten aber später der Zweibrücker Gemarkung zugeschlagen wurden, als nämlich im Jahre 1824 der seit Herzog Wolfgang bestehende gemeinsame Bann (s.o.) gelöst wurde. Bubenhausen-Ernstweiler wurde eine selbständige Gemeinde.

Der Deutsch-Französische Krieg mündete 1871 in die Gründung des Deutschen ("zweiten") Kaiserreiches. Ihm zu Ehren pflanzte der damalige Pächter des Ernstweilerhofes die noch heute sprießende Friedenslinde.

Die Industrialisierung brachte im späten 19. Jahrhundert immense Bevölkerungszuwächse mit sich. Hauptarbeitgeber in Bubenhausen und Ernstweiler war seit den 1850er Jahren die Dingler'sche Maschinenfabrik. Der verlorene Erste Weltkrieg (1914-1918) führte unter anderem zur Abtrennung des Saargebietes, was gerade Ernstweiler in eine ungünstige Randlage brachte. Von 1918 bis 1930 war die gesamte Pfalz französisch besetzt. Erneut musste die ehemalige Kellerei in Ernstweiler als französische Kaserne dienen.

1926 schließlich wurden, nach langen zähen Verhandlungen zwischen den Einzelparteien, Ernstweiler und Bubenhausen der Stadt Zweibrücken eingemeindet. Die künstliche Abgrenzung von seinem Versorgungs- und Absatzgebiet, dem Saarland, hatte besonders Ernstweiler hart getroffen und eine Eigenverwaltung vollends unwirtschaftlich werden lassen. Erst mit der Eingemeindung und 1930, mit dem Abzug der Franzosen (Marokkaner), besserte sich seine Lage zusehends. Sechs Jahre später wurde die Ernstweiler Kaserne abgerissen, die letzten Reste des herzoglichen Weinkellers mussten Ende der 1960er Jahre dem expandierenden Demag Werksgelände weichen.

Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts konnte nicht nur die sogenannte von den Unternehmen Lanz und Dingler vorfinanzierte "Werksiedlung" in Richthofen- und Udetstraße bezogen werden, sondern auch, zeitlich noch davor, der nach dem Reichsheimstättengesetz konzipierte "Hasensteig". Dieser war mit Tierhaltung (Schweine, Ziegen, Hasen, Hühner) und Gemüseanbauflächen stark auf Selbstversorgung angelelgt. Kinderreiche Familien oder Familien, deren Vater keine Arbeit hatte, wurden bei der Hausvergabe durch die Stadtverwaltung bevorzugt.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Ernstweiler, seiner grenznahen Lage wegen, zum Kampfgebiet erklärt. Zivilbevölkerung und Wirtschaft mussten die Gegend räumen. Die meisten Bürger wurden nach Oberfranken oder Thüringen evakuiert. Die Erleichterung über ihre Rückkehr in die Heimat, im Jahre 1940, währte nur kurz. Schon vier Jahre später vertrieb sie die immer näher rückende Front erneut aus den Häusern, diesmal in den Süden Deutschlands. Als am 14. März 1945 Zweibrücken durch alliierte Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt wurde, nahm Ernstweiler nur geringfügig Schaden. Ohnehin waren dort viele Häuser schon vorher Fliegerangriffen zum Opfer gefallen.

Was dem Kriegsende (1945) folgte, war eine Zeit bitterer Entbehrung und harten Wiederaufbaus. Dass es in Ernstweiler trotzdem stetig voranging, beweist ein Blick auf die Chronologie der letzten sechzig Jahre, die kurz und prägnant, aber nicht wenig eindrucksvoll in der Festschrift zu Ernstweilers 1025-Jahre-Feier dokumentiert ist [Anm.: Die Festschrift wird bald im Volltext in unserer Rubrik Publikationen einsehbar sein].

  • QUELLEN UND LEKTÜREEMPFEHLUNGEN:
  • Die beste und wohl umfänglichste Darstellung der Ernstweiler Geschichte, der hier auch in den allermeisten Punkten gefolgt wurde, findet sich in
  • Klaus KARG / Hans AMMERICH: “Ernstweiler. Aus der Geschichte eines Zweibrücker Stadtteils." Zweibrücken-Ernstweiler 1994 (vergriffen; 3. umfassend aktualisierte Auflage derzeit in Vorbereitung, noch im Kalenderjahr 2008 ist mit dieser um 25 Jahre ergänzten Ausgabe zu rechnen. Vorbestellungen nehmen ab sofort die beiden OKE-Vorsitzenden per E-Mail entgegen!)
  • Ein knapperer, aber nicht wenig informativer Abriss findet sich in
  • Alfred LANG u. a. (Redaktion): "Festschrift. 982-2007. 1025 Jahre Ernstweiler. Vom 17. - 20. August 2007" Zweibrücken-Ernstweiler 2007 (unter diesem Link schon bald im Volltext als pdf einsehbar)
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